Planet Bratwurst

Von Würsten, Menschen und dem ganzen Rest

Ghettoblaster, Fischmaul und Mittelfinger

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Fahren Sie täglich mit dem Auto zur Arbeit? Ja? – Schade. Dann entgeht Ihnen etwas. Ein gesellschaftliches Phänomen – oder gar ein neuer Jugendkult.
Vielleicht sind Sie ja auch einer jener Elternteile, die sich bemüßigt fühlen, ihre ca. 12-jährige Rotzgöre, oder ebenso alten Rotzbengel, mit der neuesten Generation Mobiltelefon auszustatten? Das Kind muss ja erreichbar sein! Und es ist so entsetzlich anstrengend der eigenen Nachkommenschaft etwas abzuschlagen. Wäre Teil der Erziehung. Schwierig, das.

SchnappWissen Sie übrigens, was auf der Geräte-Anzeige Ihres Nachwuchses erscheint, wenn Sie selbst es kontaktieren? Manche Mütter denken es erschiene dort (von Herzchen engerahmt) “Lieblings-Mama” oder “Muttilein”. – Weit daneben!

“Alarm. Die Mater”, “Achtung, Altersvorstand”, “Obacht, der Erziehungsberechtigte”, “Nervnudel Nr.1″, “Stillgestanden! Der General” und ähnliches. Das ist die rauhe Wirklichkeit auf deutschen Kinderdisplays…

Diese Mobiltelefone jedenfalls sind Klasse! Man kann mehrere Megabyte an Musikdateien und Klingeltönen darauf speichern, man kann grottenschlechte Videos und Fotos damit machen, man kann seine Termine damit verwalten, sich von gespeicherten Erinnerungen erschrecken lassen, simsen sowieso, horrende Rechnungen produzieren, und, ganz nebenbei, sogar telefonieren. Das Beste darin ist aber der kleine scheppernde Lautsprecher zur Wiedergabe all des gespeicherten Unsinns.

Diese Einrichtung ermöglicht es Scharen von Schülern und Schülerinnen alltäglich die Gehörgänge harmloser Mitpassagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln zu verschmutzen. Mit irgendwas. Man erkennt es aufgrund mangelnder Tonqualität nur selten.

Ach – schöne alte Zeit der Ghettoblaster. Die hatten wenigstens ordentlich Bums im Gehäuse. Klare Höhen, gestochen scharfe Mitteltöne, satte Bässe. Ein bisschen sperrig zwar, dafür aber wesentlich seltener in U- oder S-Bahnen anzutreffen.

Schepperknirpse nenne ich sie

Erst kürzlich, an der Bushaltestelle: einer jener Schepperknirpse. Etwa 12-jährig. Schmuddelig. Übergewichtig. Feiste Backe. Unsympathisch. Bomberjacke. Bemützt. Handy: plärrend!

Höflich vom Autor befragt ob er denn nicht seine, sicher vorhandenen, Ohrhörer verwenden könnte, gab der Rüpel die klare Ansage zurück: „Nein.“ Auf die erneute Befragung: „Warum denn nicht?“, gab es die vollkommen argumentfreie Antwort. „Weil halt!“

Diese Entgegnung ist bekannt. Vom eigenen Nachwuchs. Als dieser etwa vier Jahre alt war und die Kunst der Argumentation noch nicht beherrschte. Als Alternative war damals auch beliebt und weit verbreitet: „Weil ich will!“ Von einem 12-jährigen sollte man Anderes erwarten können.

Erstaunen machte sich an der Haltestelle trotzdem breit. Dann Wort-, Fassungs- und Ratlosigkeit. Sogar der Wunsch, die Eltern dieses Prachtexemplars kennenzulernen keimte kurz auf. (Junge, Junge. Du musst später mal meine Rente finanzieren!). Schlussendlich gewann fehlende Schlagfertigkeit und die tief verwurzelte Abneigung gegen Gewalt.

All diese Gefühlswallungen gingen mit stillen Mundbewegungen des Schreibers einher, die stark an den schnappenden Goldfisch im Glas erinnerten. Für den Wicht war der Fall bereits erledigt und der Rap-Text aus seiner Schepperdose war plötzlich einwandfrei zu verstehen. “Zeig den Mittelfingah, zeig den Mittelfingah”. Dieser Aufforderung wurde in der Manteltasche umgehend entsprochen.

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